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versicherungsschein-nr804-1821
Der älteste noch erhaltene Versicherungsschein trägt die Nr. 804 und wurde am 31. März 1821 ausgefertigt.
streit-und-schmaehschrift
Eine der vielen Streit- und Schmähschriften, mit der ein Konkurrent dem jungen Unternehmen das Leben schwerzumachen versuchte.

Keiner wollte der Erste sein!

Geschichte — das ist der Ablauf allen Geschehens, ein Gespinst von Vergangenem und Gewesenem, von Geschicken und Geschichten, verworren und verwirrend, verwoben und verflochten. Eines ist Ursache für das Andere, Eines erklärbar erst durch das Andere. So ist es im großen Weltgeschehen wie im Leben eines Einzelnen und eines Unternehmens. Hier gibt es Ereignisse, Vorgänge, Entscheidungen, die Geschichte gemacht haben, deren Bedeutung verkannt wurde, die sich aus dem Zusammenhang heraus erklärten, die sich später erst als Akt weiser Voraussicht herausstellten und ihre historische Rechtfertigung erfuhren. Solchen Geschehnissen wollen wir in dieser Serie nachgehen.

Das erste und nun 174 Jahre alte Policenbuch der Feuerversicherungsbank für den deutschen Handelsstand, die heutige Gothaer Versicherungsbank, ist noch erhalten und wird im historischen Unternehmensarchiv in Köln aufbewahrt. Die erste Eintragung datiert vom 1. Januar 1821 und beginnt merkwürdigerweise mit Nr. 101. Warum nicht mit der Nr. 001? Was war der Grund?

Ernst Wilhelm Arnoldi hatte bei der Gründung am 2. Juli 1820 voller Optimismus als Beginn der eigentlichen Geschäftseröffnung den 1. Januar 1821 bestimmt, obwohl es in der Satzung heißt: „Die Bank tritt erst in ihre volle Wirksamkeit sobald die Summe der Versicherungen 4 Millionen Thaler erreicht.” Er hatte erwartet, daß sich bis zum 1. Januar 1821 schon eine noch größere Summe angesammelt haben werde. Das war aber nicht der Fall. Anträge lagen zwar am Jahresende auch tatsächlich in genügender Höhe vor. Der Beginn dieser Versicherungen lag aber zum Teil erst im folgenden Jahr, da die Antragsteller natürlich zunächst ihre alte Versicherung gekündigt hatten und die neue erst mit deren Ablauf beginnen lassen konnten. Die Anträge, deren Versicherungsbeginn auf den 1.1.1821 festgesetzt war, belief sich lediglich auf 2,8 Millionen Thaler. Es war nun strittig, ob damit die Satzungsvorschrift erfüllt war. Arnoldi entschied sich trotzdem für den Beginn des Geschäftes zum vorgesehenen Zeitpunkt, weil sonst die Antragsteller, die sich ab 1. Januar 1821 versichert glauben, enttäuscht worden wären und weil womöglich das ganze Unternehmen in Gefahr geraten wäre. Die Policennumerierung ließ er mit 101 beginnen, weil er vermutete, daß von den ersten Zeichnern keiner eine Police mit ganz niedriger Nummer zu haben wünschte, und er ihnen das Gefühl vermitteln wollte, bereits Mitglied einer größeren Gefahrengemeinschaft zu sein. Dieser Umstand, der ihm später von Konkurrenten als Täuschung und Betrug angekreidet wurde, erwies sich aber in dieser Situation als die einzig mögliche und richtige Entscheidung. Wenige Wochen später war diese problematische Situation auch ausgestanden, und die Feuerversicherungsbank für den deutschen Handelsstand gedieh über alle Erwartungen gut.

Ende 1821 war der Bestand an Versicherungen schon auf 18,6 Millionen Thaler angewachsen.

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